Kompliziertes ist nicht gleich komplex



In der Praxis werden die Begriffe kompliziert und komplex oft synonym verwendet oder allenfalls wird komplex als Steigerung für kompliziert verwendet. Die Unterscheidung dieser beiden Begriffe macht jedoch einen entscheidenden Unterschied.


Für einen Laien ist eins mechanischen Uhrwerks kompliziert, die Reparatur eines Autos oder dessen Konstruktion sowieso. Das liegt aber nicht in der Natur dieser Dinge, sondern in erster Linie an mir und meinem fehlenden Wissen über sie. Kompliziert ist also keine mit der Sache verbundene Eigenschaft, sondern sagt nur etwas zu meinem Wissen im Bezug dazu aus. Kompliziertes kann ich durch den Erwerb von entsprechendem Wissen beherrschbar machen und somit die Kompliziertheit reduzieren.





Kompliziertheit lässt sich demnach durch Wissen managen. Genau das haben Frederick Winslow Taylor und dann Henry Ford beim Bau der ersten Autos getan.

Mit entsprechender Organisation der Arbeit lässt sich Arbeit durch Aufteilen in kleine sehr einfache Arbeitsschritte für den einzelnen Arbeiter reduzieren. Die Kompliziertheit der Arbeit wird aus Sicht des Managers beherrsch- und steuerbar. Das ist die Logik des Taylorismus, nach der noch heute Unternehmen wie komplizierte Maschinen betrieben werden und Menschen als Zahnrädchen drehen.



"So kompliziert etwas aber auch sein mag, es ist nicht lebendig und hält für den genügend Wissenden keinerlei Überraschung bereit." (Gerhard Wohland).



Entsprechend überraschend und komplex wird es überall dort, wo Menschen aufeinandertreffen. Auf der Straße etwa, wo kleine Störungen große Staus zur Folge haben oder eben in Organisationen. Als tayloristischer Manager kann man diese Komplexität ganz im Sinne von Henry Ford versuchen zu ignorieren, aber dadurch wird sie nie vollständig verschwinden.


Komplexität ist also eine Eigenschaft eines Systems und sorgt für Überraschungen und Lebendigkeit trotz Kenntnis und Verständnis der Komponenten und ihrer Interaktionen.

Aus den oben genannten Punkten ergeben sich für Führung ganz bedeutsame Erkenntnisse: Komplexe Systeme lassen sich zwar beobachten, aber nicht zielgerichtet steuern und kontrollieren. Jede Geste, jede Handlung und jedes gesprochene Wort kann und wird unser komplexes System beeinflussen, die daraus resultierenden Reaktionen sind jedoch nicht vorhersehbar. Auch Nicht-Handeln kann Einfluss auf ein System haben. Das liegt daran, dass komplexe Systeme sich nicht allein aus den Impulsen von außen zu erklären lassen.


Somit kann man sagen, dass komplexe Systeme nicht die Summe ihrer Teile sind und ebenfalls nicht das vorhersagbare Produkt ihrer Interaktionen.


Und das ist auch gut so, denn auch Organisationen agieren immer mehr in immer komplexeren Umfeldern und werden immer mehr überrascht. Oder sie überraschen selbst ihre Konkurrenten. Je nachdem wie gut sie es verstehen, eine Umgebung zu schaffen, in der diese komplexen Anteile, das menschliche Potential oder einfach das Lebendige schneller bessere Ideen hervorbringen als die Konkurrenz das kann. Das ist nicht zuletzt eine Frage der Führung und Aufspüren geeigneter Lösungen und Innovationen.